Bekenntnisse einer Hardcore-Strickerin

More is more and less is a bore!
(Stephen West)

Nähtechnisch arbeite ich gerade fleißig an der März-Herausforderung für die 12 Colors of Handmade Fashion. Da ich darüber ja aber erst Ende des Monats berichten kann und andere aktuelle Nähprojekte im Moment nicht wirklich vorzeigbar sind, will ich euch heute mal eine weitere Seite meiner Crafting-Persönlichkeit vorstellen: die Hardcore-Strickerin. 

Wenn ich nicht gerade ganz viel Stress habe oder mich wie vor zwei Jahren üble Handprobleme plagen, vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht mindestens ein paar Reihen stricke. Meistens habe ich parallel mehrere WIPs auf den unterschiedlichen Nadelsystemen, denn es gibt nichts Schöneres für mich, als zu erleben, wie sich eine neue Wolle/ein neues Muster/eine neue Farbkombination anfühlt und entwickelt. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass das eine oder andere in Vergessenheit gerät und in irgendeinem Körbchen verstaubt oder von Motten vertilgt wird (Motten sind übrigens der Antichrist der zum Kauf schöner Naturwolle neigenden Hardcore-Strickerin). Versteht mich nicht falsch: Ich bin nicht sonderlich sprunghaft und durchaus in der Lage, Angefangenes auch zu Ende zu bringen (das Zweitschönste für mich ist es nämlich, selbst gestrickte Kleidungsstücke dann endlich auch zu tragen), aber die Inspirationsflut über die verschiedenen Kanäle (Web, Zeitschriften, Wollläden, Yarn Festivals …) ist einfach zu und zu groß. Eigentlich stellt sich mir nie die Frage, was, sondern vielmehr, was ich gerade nicht stricken soll.

Für die Woche Dänemark im Februar hatte ich mir dann auch ganz viel vorgenommen. Sieben freie Tage, stürmisches Nordsee-Wetter, Kamin und lange Sofa-Sessions – könnte es bessere Rahmenbedingungen für die ambitionierte Strickerin geben? Irgendwie war das Wetter aber dann doch besser als gedacht und auch an der Besichtigungsfront war so einiges los, so dass meine Strickbilanz zum Zeitpunkt der Heimreise lediglich eine Socke (und wenn ich eine sage, dann meine ich auch nur eine, nämlich die linke; klassischer Fall von SSS, dem Second Sock Syndrome) und eine Mütze aufwies. Letztere – ein Auftragswerk, das mich inzwischen auch schon wieder verlassen hat – kann sich allerdings sehen lassen.

Mütze "Quadrifurcus" von La Maison Rililie

Die Quadrifurcus meiner Lieblingsstrickdesignerin Rililie befindet sich schon seit geraumer Zeit in meiner Ravelry-Bibliothek, nur bestand bei mir selbst gerade so gar kein Bedarf an Kopfbedeckungen und so war ich froh, die Mütze für jemand anderen stricken zu können. Die Auftraggeberin hatte sich die Madelinetosh Merino Light (meine absolute Lieblingswolle) in der wunderbaren Färbung Black Velvet ausgesucht, einem – anders als es der Name vermuten lässt – tiefen Grau mit Speckles in dunklem Flieder. Ein Traum! In der Wolle war so viel los, dass ich getrost auf die in der Anleitung vorgesehenen Streifen verzichten konnte. Durch die – wie immer bei Rililie – intelligente Konstruktion sitzt die Quadrifurcus perfekt: Mithilfe von verkürzten Reihen wird erreicht, dass das Bündchen hinten schmaler ist als vor. Dadurch werden Stirn und Ohren schön gewärmt und im Nacken staucht sich kein überflüssiges Material. Außerdem – auch nicht zu verachten – weiß man so immer, wo vorn und hinten ist 🙂

Wenn ich auch in Dänemark selbst nicht viel Gestricktes produziert habe, so war ich doch viel erfolgreicher, als es um den Einkauf von Rohmaterial ging – ich berichtete. Die erstandenen Stränge und Konen würden für mindestens vier einfarbige Pullover bzw. Jacken reichen. Nach einer vorangehenden Revision meines Kleidungsbestandes hatte ich nämlich beschlossen, als Nächstes bis auf Weiteres nur noch einfarbige Oberteile zu stricken, die meine bestehende Garderobe sinnvoll ergänzen würden. Ihr müsst nämlich wissen, dass ich eine fatale Neigung zu Fun-Projekten habe, wenn es ums Stricken geht. Das hat sicherlich mit der oben erwähnten überbordenden Inspiriationsflut zu tun, aber irgendwas Ursprünglich-Kindliches scheint bei mir auch aktiviert zu werden, wenn ich vor den Regalen in meinem Lieblingswollladen stehe. Ich berausche mich dann regelrecht an den bunten Farben und immer wieder landen einzelne Stränge in aufregenden Färbungen in meinem Warenkorb, die ich dann zu Hause hüte wie Schätze – auch weil sie so gar nicht zu meiner restlichen Kleidung passen. Oder ich verstricke sie und trage sie dann nicht, weil ich mich damit wie ein Clown oder ein Kindergartenkind fühle. Manche Menschen können Buntes tragen und sehen toll und angemessen damit aus – ich gehöre definitiv nicht dazu.

Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Es macht schon mehr Spaß, Farben zu verstricken als kleiderschrankkonforme Neutrals. Und deshalb siegt die Neigung auch immer wieder über die Vernunft bei der Wahl des Strickprojekts. Und hier kommt ein weiterer Strickdesigner ins Spiel: Stephen West. Den Strickern unter euch muss ich den in Amsterdam lebenden jungen Amerikaner wahrscheinlich nicht vorstellen, zu omnipräsent ist er inzwischen auf Ravelry, Instagram und Pinterest. Für alle anderen: Stephen West ist der Paradiesvogel der internationalen Strickszene. In seinen Anfängen hat er in der Reihe Westknits technisch perfekte, geometrisch angehauchte Entwürfe in neutralen Erd- und Grautönen präsentiert, die durchaus auch von Männern getragen werden konnten. Irgendwann hat er dann den schrillen Designer Walter Van Beirendonck kennengelernt und seinen Stil komplett gewandelt. Jetzt leuchten seine Strickstücke – ebenso wie der Rest seines Outfits – in allen Farben des Regenbogens und sein Motto lautet sehr treffend: „More is more and less is a bore.“ Ein weiterer zentraler Aspekt seiner Designs sind die stricktechnischen Details und die hochinteressanten Konstruktionen, die den Kleidungsstücken zum Teil einen schon skulpturalen Charakter verleihen.

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Stephen West hat sich komplett von den Fesseln allgemeiner ästhetischer Konventionen befreit. Er macht ausschließlich das, was ihm gefällt, und animiert die Strick-Community dazu, es  ihm gleichzutun. Mit durchschlagendem Erfolg! Selten habe ich so viele aufgeregte, in bunte Pullover, Jacken und Tücher gehüllte Strickerinnen (und Stricker) aller Altersgruppen auf einem Haufen gesehen wie beim Meet & Greet bei mylys anlässlich des Starts zum Doodler-MKAL.

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Doodler von Stephen West in Madelinetosh Socks

Und für alle hatte Stephen ein nettes Wort, mit allen machte er geduldig Selfies. Er mag zuweilen überzogen schrill erscheinen, aber er ist immer absolut authentisch. Und man spürt, dass es ihm bei seiner Arbeit neben dem Spaß an der Kreation immer auch darum geht zu vermitteln, wie wichtig es ist, dass Menschen Freude an dem haben, was sie tun, und zu dem stehen, wie sie sind. All das macht für mich den Reiz des Gesamtkunstwerks Stephen West aus, und so werde ich auch immer wieder schwach, wenn er neue Anleitungen veröffentlicht oder zu Mystery Knit-alongs (MKALs) aufruft – auch wenn ich weiß, dass eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 50 Prozent besteht, dass ich das Endergebnis nicht tragen werde. Immer aber habe ich nach Stephen-West-Projekten etwas gelernt, seien es über Techniken (z. B. Brioche – Stephen war es, der das gute alte Patentmuster hip gemacht hat), über Ästhetik oder über mich selbst.

Anfang des Jahres hat Stephen zum Marled Magic MKAL aufgerufen. Wie bei den vorangehenden Mystery KALs wird die Anleitung über einen Zeitraum von vier Wochen in vier Teilen, jeweils freitags, veröffentlicht. Der Stricker weiß also abgesehen von allgemeinen Rahmendaten nicht, wie das fertige Stück – in diesem Fall ein Schal – aussehen wird: That’s the mystery! 😉 Aber auch ein nicht zu knappes Risiko. Beim letzten MKAL Building Blocks bin ich nach zweieinhalb Clues ausgestiegen, weil mir die Form des Schals und die verwendeten Techniken so überhaupt nicht zugesagt haben. Ich hatte mir danach geschworen, die nächsten Male bis zum Ende des MKALs zu warten und mich dann wie beim Exploration Station anhand der Projektbilder für oder gegen den Schal zu entscheiden.

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Exploration Station von Stephen West

Vier Tage habe ich es ausgehalten, die Instagram-Beiträge begeisterter MKAL-Teilnehmer zu betrachten, dann habe ich die Anleitung geordert und losgelegt. So viel zu guten Vorsätzen. Ich habe aber auch eine gute Ausrede dafür, beim Marled Magic MKAL mitzumachen, jawohl! Es geht nämlich explizit darum, seine Wollvorräte zu verbrauchen. Und die sind bei mir gigantisch. Als ich bei der Auswahl der infrage kommenden Garne alle Kisten, Kästen, Körbe und Tüten gesichtet hatte, hab ich mich kurz gefragt, warum sich mein Mann nicht schon längst von mir hat scheiden lassen – oder mich zum Psychiater schleppt. Es gibt KEINEN vernünftigen Grund, in den nächsten fünf bis zehn Jahren neue Wolle zu kaufen. Diese Auswahl für den Schal stellt nur einen Bruchteil meines gesamten Stashs dar: 🙁

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Umso dankbarer muss ich Stephen für diesen MKAL sein. Es werden über den gesamten Schal immer zwei Fäden Sockenwolle (oder vergleichbarer Wolle in Fingering Weight) zusammenverstrickt. Für den daraus resultierenden Marled-Effekt gibt es verschiedene Varianten, die genau erklärt werden. Weitere Effekte können durch das Verstricken verschiedener Wollqualitäten (normale Sockenwolle, Mohair, Papiergarn, Seide etc.) erzielt werden. Ihr Übriges tun verschiedene Muster (Mesh, Seed Stich, Garter Stich, Brioche). Aber der Fokus liegt auf dem einzelnen Stricker, der beim Zusammenstellen der Garne und Farben seiner Kreativität freien Lauf lassen kann und soll. More is more …

Bei allem Spaß wollte ich mir aber zumindest die Option offenhalten, am Schluss etwas Tragbares produziert zu haben und so war ich feige und habe mit für eine Basis von Grautönen und Rosa/Pink/Lila als Farbflecken entschieden. Inzwischen bin ich mit dem ersten Teil der Anleitung durch und im Hinblick auf das Zwischenergebnis mäßig begeistert (die vielen bunten Beispiele bei Ravelry und Instagram sehen definitiv nach mehr Spaß aus), aber die Anfänge von Teil 2, der gestern erschien, machen dann doch wieder einen vielversprechenden Eindruck.

Ich bleibe am Ball und werde berichten. Drückt mir die Daumen: Ich werde jetzt fliederfarbene Wollmeise mit grauem Kidmohair zu einem einfarbigen Patentmuster vermischen. Ab an die Nadeln!

Habt alle ein schönes kreatives Wochenende.

Viele Grüße
Wiebke

 

2 Gedanken zu „Bekenntnisse einer Hardcore-Strickerin“

  1. Hallo Wiebke,
    heute erst habe ich deinen Blog entdeckt und alle Beiträge gelesen. Mir gefallen nicht nur deine Sachen, sondern auch die Texte. Ich musste ein wenig schmunzeln, denn ich habe auch erst im Januar mit dem Bloggen begonnen, um u.a. bei Selmin mitmachen zu können. Da macht das Werkeln gleich nochmal soviel Spaß. So, und nun freue ich mich auf nächsten Montag bei 12 Colors of Handmade Fashion.
    Liebe Grüße
    Marion

    1. Liebe Marion,
      das ist ja wirklich ein Zufall, dass wir zur selben Zeit aus dem selben Grund angefangen haben, zu bloggen – und uns so kennenlernen 🙂 Die Crafter-Szene im Netz ist wirklich etwas ganz Besonderes!
      Ich freue mich sehr, dass du dich gemeldet hast, und werde heute Abend gleich mal ganz in Ruhe bei dir herumstöbern.
      Liebe Grüße aus HH
      Wiebke

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