12 Colours of Handmade Fashion: Juni – Blau

Blau. Als Selmin Anfang Juni diese Farbe für die 12 Colours of Handmade Fashion verkündete, wusste ich sofort, was ich machen wollte: eine Jeans! Ein entsprechender Stoff lag in ausreichender Menge seit meinem letzten Besuch auf dem Stoffmark Holland gewaschen parat und auch den Schnitt dazu hatte ich mir schon gekauft, heruntergeladen, geschnitten und geklebt: die Turia Dungarees von Pauline Alice. 

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Der Schnitt ist wahrlich nicht neu, genauso wenig wie der Latzhosen-Hype, aber ich bin auch nicht gerade bekannt dafür, in Sachen Mode an vorderster Front mitzumischen. Meist brauche ich Monate, wenn nicht sogar Jahre, bis ich mich an einen neuen Trend gewöhnt habe und mir vorstellen kann, „sowas“ auch selbst zu tragen. Wenn ich also eine Latzhose nähe, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass die Latzhosen-Welle gerade ihren Scheitelpunkt erreicht hat. 😉

Dieses Verhalten hat allerdings auch einen großen Vorteil: Wenn ich endlich so weit bin, kann ich mir jede Menge Rezensionen, Tutorials und Tipps zu dem jeweiligen Schnitt zu Gemüte führen (die mich zum Beispiel vor der Wahl des falschen Stoffes bewahren) und mich von den vielen tollen Nähbeispielen aus der Community inspirieren lassen. Besonders begeistert hat mich die wie immer technisch und stilistisch perfekte Turia der wunderbaren Sasha (sie blogt inzwischen unter Secondo Piano). Aber auch die Varianten von Selmin, Fredi, AnnaLisa, Annie Coton, Laura (ein Pattern Hack für ein Turia Dress!) und Lisa sind einfach nur großartig und beweisen, wie wandelbar dieser Schnitt doch ist.

Ich war also bestens vorbereitet, als ich mich an meine Jeans-Dungarees machte, und hatte schlappe drei Wochen bis zum Veröffentlichungstermin am 27.6.: Das würde ja diesmal ein Kinderspiel werden, dachte ich – bevor ich mir selbst mehrere Knüppel zwischen die Nähbeine warf.

1. Knüppel: grobe Selbstüberschätzung, was das bewältigbare Nähpensum angeht. Obwohl ich noch nie ein nur ansatzweise jeansähnliches Beinkleid für mich genäht hatte und meine Hosenprojekte passformtechnisch bislang immer eher – sagen wir es mal freundlich – suboptimal ausgegangen waren, meinte ich, auf halbem Weg einfach mal den LeinenSewAlong von TilliT und Untermeinemdach einschieben zu können. Der war zwar sehr schön und erfolgreich, hat mir aber von meinem großzügigen Zeitfenster mal eben eine gute Woche abgeknapst.

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2. Knüppel: Schlampigkeit beim Lesen von Anleitungen und vorschnelles Ich-habs-drauf-bin-eh-die-Beste-Drauflosnähen. Die Turia ist eigentlich ein gar nicht so schwierig zu nähendes Kleidungsstück. Wirklich aufwendig sind eigentlich nur die vielen doppelten Ziernähte, die der Latzhose aber das gewisse Extra und den Jeanslook geben. Hier ist Akkuratesse gefragt, was definitiv das Tempo drückt – auch wenn mir mein jüngst erstandener Absteppkantenfuß dabei allerbeste Dienste geleistet hat. Technisch herausfordernd waren für mich ansonsten lediglich die Kappnähte.

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Etwas in der Art hatte ich bei meinem Cross Back Apron genäht: Das Ergebnis sah ähnlich aus, die Ausführung gestaltete sich jetzt jedoch anders. Das hätte grundsätzlich aber kein Problem darstellen müssen, denn in der Turia-Anleitung werden die Flat Fell Seams ausführlich erklärt: Man steppt die Schnittteile links auf links mit einer Nahtzugabe von 1,5 cm zusammen und kürzt dann eine (!) der Nahtzugaben auf 0,5 cm ein. Danach schlägt man die breitere Nahtzugabe wie bei Schrägstreifenversäuberung um die kürzere und steppt die so entstandene Kappnaht kantennah fest. Aufwendig, aber keine Zauberei. Wenn ich nicht beim Vorderteil der Hose beide (!!!) Nahtzugaben auf 0,5 cm zurechtgestutzt hätte. 🙁 Umschlagen war auf so nicht mehr möglich. Ich stand damit vor der Wahl, entweder das gesamte Vorderteil (mit bereits aufgenähten Taschen und Gürtelschnallen) neu zu nähen (Stoff war noch da) oder die Naht aufzutrennen und die Kappnaht neu zu nähen. In letzterem Fall würde ich allerdings das Vorderteil um schlappe 2 cm schmaler machen – ein durchaus riskantes Unterfangen im Problemzonenbereich.

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Weniger aus Faulheit als aus Zeitmangel (siehe Knüppel 1) entschied ich mich für Variante 2 und hoffte inständig darauf, dass das bei dem lässigen Schnitt schon irgendwie hinkommen würde. Es sollte sich herausstellen, dass ich vorn gut noch mal 2 cm hätte wegnehmen können: Bei der ersten Anprobe nach dem Schließen der Seitennähte und dem Einsetzen des Reißverschlusses saß die Hose hinten perfekt (kommt wirklich eher selten vor), dafür beutelte sie vorn im Schritt und vor dem Bauch.

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Da jetzt definitiv keine Zeit mehr war für Neunähen und ich andererseits nicht wusste, wie man in diesem Stadium eine Kappnaht fachgerecht anpasst, griff ich zu einer unkonventionellen Brachiallösung, die Pingel-Inge wahrscheinlich entsetzt hätte aufschreien lassen: Ich klappte die vordere Kappnaht von rechts auf der ganzen Länge von Schritt zu Bund einmal zur Seite und steppte sie fest. Sie ist damit doppelt so dick wie alle anderen Kappnähte der Hose und ganz unten im Schritt kann man den Übergang sehen, aber Nichteingeweihten fällt die wilde Bastelei nicht auf und vor allem: Die Hose sitzt jetzt wie angegossen! Meine Lehre aus der ganzen Angelegenheit: Ich muss sorgfältiger lesen, mehr denken vor dem Nähen und dringend einen Kurs zum Thema Schnittmodifikation belegen, denn offensichtlich bin ich in der Körpermitte vollständig disproportioniert. 😉

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Die weiteren Schritte bis zur Fertigstellung meiner Turia gestalteten sich dann wieder absolut unkompliziert. Die Beinlänge habe ich wie im Schnitt bei 7/8 belassen, denn ich denke, ich werde die Latzhose vor allem im Sommer tragen. Eine Sache, die ich anders gemacht habe als in der Anleitung, ist, die Schnittkanten an der Innenseite von Latz und Trägern mit Schrägband zu versäubern. Im Original wird die Nahtzugabe lediglich umgeschlagen und mit zwei parallelen Steppnähten gesichert. Von außen ist das kein Problem, aber von innen sieht das Ganze schon ein bisschen roh aus. Das Problem besteht ebenfalls bei den vorderen Taschen, es ist mir aber leider auch erst nach deren Fertigstellung aufgefallen. Zwar sticht es an dieser Stelle nicht so ins Auge, aber bei der nächsten Turia würde ich auch hier die Innenkanten mit Schrägband einfassen. img_2487

Insgesamt ist es ein toller Schnitt mit einer guten Anleitung. Sollte man zusätzliche Hilfe bei den Kappnähten oder den Ziersteppungen brauchen, so findet man die in mehreren ausführlichen bebilderten Tutorials auf Paulines Blog. Dort wird auch erklärt, wie man mit wenigen Änderungen den Latzhosen- in einen Latzkleid-Schnitt verwandelt.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich die fertige Latzhose so glücklich machen würde. Die Turia ist ein absolutes Wohlfühlkleidungsstück und zu meinem Erstaunen sogar bürotauglich. Darüber hinaus ist sie unglaublich bequem. Und lustig. Und irgendwie bewegt man sich in diesem Kleidungsstück auch anders als sonst.

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Zusammenfassung

Schnitt: Turia Dungarees von Pauline Alice
Stoff: mittelschwerer Denim (100 % Baumwolle) vom Stoffmarkt Holland
Schnallen: vom Stoffmarkt Holland

Weißes T-Shirt mit schwarzen Bunnys: Odette aus der La Maison Victor 03/2017, Baumwolljersey mit Elasthan vom Stoffmarkt Holland

Gestreiftes Bretonshirt: Timpe Tee von Schneidernmeistern, Baumwolljersey mit Elasthan von Karstadt


Für alle, die nach den Turia Dungarees jetzt Lust auf weitere Latzhosen bekommen haben, habe ich im Folgenden ein paar weitere spannende Schnitte zusammengetragen:

Ronja Dungarees von Named – aktuelle Kollektion
Latzhose Rachel von Schnittchen
Frohnatur von Lotte & Ludwig
Burnside Bibs von Sew House 7 – gerade frisch erschienen. (Danke, Fredi, für den Hinweis. Dein Sonntagsschnack ist doch immer wieder Gold wert!)
Retro-Version Home Front Overall von Poppy Ray
Als Latzkleid-Variante: Cleo Pinafore & Dungaree Dress von Tilly and the Buttons

Aber vielleicht begegnen mir ja gleich bei Tweed & Greet, HoT, DienstagsDinge und beim Creadienstag auch noch andere blaue Exemplare.

Tschüss!
Wiebke

9 Gedanken zu „12 Colours of Handmade Fashion: Juni – Blau“

  1. Liebe Wiebke,
    eine Latzhose kann ich mir für mich nur sehr schwer vorstellen. Aber dein Post und die Bilder machen auf jeden Fall Lust es auszuprobieren.
    Ein tolles Teil! Und die Mühe mit den abgesteppten Nähten hat sich gelohnt!
    Liebe Grüße Marion

    1. Liebe Marion,
      auch ich war sehr skeptisch, was die Latzhose angeht, aber das Nähen war ein großer Spaß und das Tragen ist es auch.
      Wie wär’s für dich mit einer Latzhose für die Arbeit in deinem schönen Garten? 😉
      LG
      Wiebke

  2. Pingelige wäre sicher auch so mit dir zufrieden: Die Hose sitzt wirklich wie angegossen und dein kleiner Trick ist doch perfekt. Die Hose passt sehr gut zu dir, soweit ich das beurteilen kann. LG Carola

  3. Ein tolles Stück hast Du Dir da wieder genäht! Ich mag auch die knöchelhohe Länge total gerne, so schön sommerlich! Und mit den Schuhen der Hit;-) Liebste Grüße, Selmin

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