12 Colors of Handmade Fashion: November – Braun

Am Anfang war ein Cape. Nee, anders. Am Anfang war ein Wochenende mit dem Liebsten in Paris vor ungefähr fünf Jahren. Ich liebe diese Stadt! Die Architektur, das Essen, das gesamte Flair. Und geflasht, wie ich war, wurde ich urplötzlich sehr empfänglich für die elegante und sehr feminine Pariser Mode (was eigentlich sonst gar nicht so mein Stil ist).

Beim Herumschlendern fiel mein Blick in einer kleinen Boutique auf ein braunes Cape des kleinen koreanischen Labels EIKO. In dem Moment stellte dieses Kleidungsstück all das dar, was unseren Paris-Aufenthalt gerade so besonders machte. Ich musste es haben. Die Tatsache, dass gerade auch noch Ausverkauf war, machte mir die Entscheidung zuzuschlagen noch leichter, und so stand ich kurze Zeit später um 200 Euro ärmer, aber um elegantes französisches Mäntelchen reicher wieder auf dem Trottoir.

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Zurück in Hamburg-Hoheluft, kam ich mir in dem Cape unglaublich verkleidet vor. Noch dazu war es überaus unpraktisch. Ich friere schnell, und von unten wehte andauernd ein kaltes Lüftchen hinein. Ich trage immer recht große Taschen quer über der Schulter – das geht natürlich über einem Cape nicht, sondern nur darunter, was zu einem ziemlich dämlich aussehenden ausgebeulten Look führt. Und selbst bei schickeren Abendanlässen siegte meine Bequemlichkeit und mein Wärmebedürfnis. So wanderte das Cape erst mal in den Schrank … und blieb da, bis es auf den Bei-eBay-zu-verkaufen-Stapel wechselte.

Dann kam die The Refashioners 2017 Challenge, bei der mir vor allem die vielen tollen und total professionellen Kreationen der anderen Teilnehmer zeigten, was man alles aus bestehenden Kleidungsstücken machen kann. Mein eigener Beitrag war technisch zwar ziemlich unbeholfen zusammengeschustert (hier), hatte mich aber nähtechnisch ein wenig selbstbewusster gemacht und meinen Blick geschärft für die Konstruktion von Schnitten. Und mit diesem Blick schaute ich mir jetzt mein Cape noch mal genauer an.

Auf der Außenseite war der Stoff fest und irgendwie jeansähnlich, aber dennoch recht weich, die Innenseite bestand aus einem supersoften dichten Teddypelz. Durch die vielen Längsnähte würden sich nach Auftrennen des Capes niemals genügend große Stoffteile ergeben, um daraus ein komplett neues Teil zu schneidern, nicht einmal eine Weste oder einen Pullunder. Dann schaute ich noch mal genauer hin und plötzlich hatte ich eine Idee: Wenn man nur die Nähte links und rechts neben der Knopfleiste (und die entsprechenden Nähte auf der Rückseite) ungefähr zu zwei Dritteln auftrennte, hätte man doch einen vollständigen Jackentorso plus zwei Flügelärmel mit jeweils offenen Seitennähten. Alle weiteren Bestandteile des Capes – Kapuze, Schulterklappen, Taschen – würden komplett erhalten bleiben. Ich müsste nur durch Anprobieren rausfinden, welche Größe das Armloch haben müsste (das heißt, bis wohin die Seitennaht gehen dürfte), um genug Bewegungsfreiheit zu haben. Das sollte doch ein Kinderspiel werden!

Nun ja, wurde es nicht – wie eigentlich immer, wenn ich das vorher dachte. Der Stoff selbst war auftrenntechnisch sehr viel dankbarer als befürchtet. Die Innenseite fusselte nach dem Anschneiden zwar zuerst furchtbar nach, das gab sich aber schnell. Ansonsten musste nicht weiter versäubert werden. Der ursprüngliche Schnitt arbeitete für ein sauberes Finish innen mit einer Art Kappnaht, und so wollte ich da, wo es ging, auch beim Zusammennähen verfahren.

Nach ein paar losen Anproben meinte ich, die perfekte Ärmelweite und Armlochgröße herausgefunden zu haben, begradigte die Flügelärmel zu normalen Ärmeln und nähte die Seitennähte von Ärmeln und Rumpf zu. Auf dem Bügel sah das Ergebnis aus wie eine perfekte Jacke mit Kapuze. Ich war begeistert. So einfach konnte also Refashion sein! Das hatte ich mir nach dem Gewürge mit dem Anzug-Rock nicht zu träumen gewagt.

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Dann zog ich die Jacke an … und wurde auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Jacke saß an den Ärmeln, an Hüfte und Taille wie angegossen, um die Brust jedoch war sie locker zwei Nummern zu klein. 🙁 Ich kriegte die Knöpfe zwar zu, aber es sperrte und verzog sich alles. Selbst nur mit Unterwäsche drunter wäre die Jacke an der Brust immer noch zu klein.

Aber was sollte ich jetzt machen? Ich stand in der partiell zu kleinen Jacke vor dem Spiegel, war absolut ratlos und machte mich schon mit dem Gedanken vertraut, das Ex-Cape in die Tonne zu treten – tragen konnte man sie ja so schlecht (und die Option des eBay-Verkaufs hatte ich durch den Refashion-Versuch ja nun auch verspielt). In diesem frustrierten Zustand ging ich erst mal ins Bett.

Mit frischem Kopf zog ich die Jacke am nächsten Tag noch mal über. Da hatte ich die Eingebung: Wenn die Jacke überall gut saß und offensichtlich nur an der Brust Mehrweite bräuchte, dann müsste ich doch eigentlich „nur“ irgendwie an der Seite zwischen Taille und Armansatz für diese Mehrweite sorgen. Ich öffnete also die Nähte unterm Arm sowie die oberen Seitennähte von Rumpf und Ärmeln ein gutes Stück wieder, zog die Jacke wieder über und ermittelte so die Mehrweite, die ich an der Brust benötigen würde: jeweils 8 cm an beiden Seiten.

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Dann schnitt ich aus den Flügelärmelüberresten lange spitzwinklige Dreieicke, bei denen die kurze Seite 8 cm lang war und die Länge der langen Seiten der Distanz von Armansatz bis Taille entsprach. Diese Dreiecke bastelte ich in die offenen Seitennähte.

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Dann wagte ich eine weitere Anprobe, und was soll ich sagen: Die Jacke saß wie angegossen! Das Anschließen der Ärmel gestaltete sich dann durch die bestehenden Kappnähte noch mal ein bisschen friemelig, aber es klappte bis auf ein paar kleine Unfeinheiten, mit denen ich aber gut leben kann – 1. weil ich es besser einfach nicht hingekriegt habe und 2. weil sie sich nahezu unsichtbar unter dem Arm befindet.

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Ich war stolz wie Bolle! Refashion gerettet und noch dazu unverhofft eine neue, wirklich tragbare Winterjacke dazugewonnen. Aber besonders freue ich mich jeden Tag daran, dass die schönen Details des Capes erhalten geblieben sind.

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Inzwischen war die Jacke mehrfach im Einsatz im Hamburger Schmuddelherbst und die Kapuze hat mir bei Sprühregen auch bereits gute Dienste erwiesen.

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Da dieser Refashion-Bericht gleichzeitig auch meinen Beitrag zu den 12 Colours of Handmade Fashion darstellt, ist klar, dass meine Farbe im November Braun ist. Komischerweise hatte ich mich aber auch schon vor Selmins Farbbekanntgabe Anfang des Monats irgendwie auf Braun eingestellt. Ich mag Braun ja wirklich sehr und hätte da auch noch einen schönen Feincord auf Lager. Vielleicht für einen Winterrock in A-Linie? Mal sehen. Andererseits hat mich jetzt auch das Jackenfieber gepackt. Vor ein paar Tagen ist eine Übergangsjacke nach dem neuen (großartigen!) Softshell-Jacken-Schnitt Susan von Pattydoo fertig geworden (leider nicht warm genug für die Jahreszeit, aber ein paar Bilder dazu gibt es bereits auf Instagram zu sehen), und gestern hab ich einen kuscheligen grauen Wintersweat für Prüllas Jerika erstanden.

Und dann steht da ja auch noch der Endspurt der 12 Colours of Handmade Fashion an. Welche Dezember-Farbe mag da am Freitag wohl auf uns zukommen? Schwarz steht ja noch aus. Würde doch eigentlich auch ganz gut zu den eleganten Jahresendfesten passen, oder?

Habt einen guten Wochenstart!
Tschüss.

Wiebke

 

6 Gedanken zu „12 Colors of Handmade Fashion: November – Braun“

  1. Hallo Wiebke, durch Selmins Blog bin ich heute auf dich aufmerksam geworden und Deine Cape Refashion ist der Hammer!!! Super schön und auch soooo nett geschrieben. Ich werd jetzt wohl öfter bei dir vorbei schauen 😉

  2. Herzlichen Glückwunsch zum gelungenen Refashion-Projekt! Ich bin auf sowas ehrlich gesagt immer noch einen Tacken stolzer als auf neu Genähtes, denn Schnitte aus unberührten Stoffen nachnähen ist eine Sache, aber eine kreative Lösung finden für Dinge, die sonst nicht tragbar sind, ist die größere Herausforderung! Und deine Jacke gefällt mir richtig gut.

  3. Ach, liebe Wiebke, ich bin so begeistert von dieser Refashion Aktion. Toll, wie du das Cape gerettet hast! Ich finde es ganz meisterhaft! Viel Spaß mit deiner neuen alten Jacke! Lustig, dass manche Teile erst einmal ein paar Jahre im Schrank verstauben müssen, bis ihre Zeit kommt:-) Gut, dass du es nicht über’s Herz gebracht hast, das Cape auszusortieren! Liebste Grüße, Selmin

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