Ein Kleid, zwei Versionen – und jede Menge Ärger mit der Anleitung

Oder: Warum ich keine Burda-Schnitte mehr mag

IMG_2408Vor Kurzem fragte mich eine Bekannte, ob ich ihr nicht ein Sommerkleidchen nähen könnte. Schlicht sollte es sein, zum Überwerfen und einen Burda-Kaufschnitt hätte sie dafür im Internet auch schon gefunden. Ich war begeistert, für Auftragsarbeiten engagiert worden zu sein, lud mir schnell den Schnitt herunter und machte mich ans Werk, denn ein wunderschöner fein gepunkteter japanischer Baumwollstoff von Akiko war auch schon vorhanden.
Da ich diesen nicht durch leichtfertige Nähfehler in Gefahr bringen wollte, entschloss ich mich, zuerst einmal einen Dummy herzustellen. Da die Auftraggeberin und ich ungefähr vergleichbare Maße haben und ich mir das Kleid auch an mir gut vorstellen konnte, nahm ich für das Probestück einen netten Blusenstoff aus einem Karstadt-Ausverkauf. IMG_2409
Dieser war ein gutes Stück feiner und leichter als die japanische Baumwolle, aber auf diese Weise konnte ich auch gleich sehen, wie sich das Kleid in unterschiedlichen Stoffqualitäten verhalten würde.

Nach dem flotten Zuschneiden – das schlichte Kleid besteht nur aus Vorderteil, Hinterteil, Ärmeln und Ärmelblenden sowie Belegen – schnappte ich mir die Anleitung und legte los. Schnell kam ich zu dem Punkt, an den ich bei Burda-Schnitten zwangsläufig immer irgendwann gelange: Ich begann zu rätseln. Soll ich die Kanten vor oder nach dem Nähen versäubern? Zusammen oder einzeln? Wohin sollen die Nahtzugaben gebügelt werden, nach hinten oder nach vorn? Das waren kleine Details, schön zu wissen, aber auch ohne Info zu bewältigen. Dann aber ging es an die Kellerfalte auf dem Rücken, das einzige etwas kompliziertere Element am gesamten Kleid, und mir flog die ganze Anleitung um die Ohren. Ich folgte den Schritten, so wie ich sie verstand, verstürzte alles mit dem Beleg und schaute betroffen auf das Ergebnis: Von außen sah alles weitestgehend so aus wie auf dem Modellfoto, aber innen herrschte das pure Chaos. Die äußeren Seitenkanten des Schlitzes waren unversäubert und lagen frei im Innenteil, ähnlich verhielt es sich mit der Unterkante des Schlitzes. So konnte das alles doch unmöglich gemeint sein!!! Und wie sollte es auf der Basis weitergehen? Ich war ratlos und verzweifelt, wollte ich doch bei meinem ersten Auftragsprojekt perfekte Arbeit abliefern und nicht gleich als autodidaktische Nähdilettantin dastehen.

Zu diesem Zeitpunkt ging ich noch davon aus, irgendwas in der Anleitung total falsch verstanden zu haben. Wahrscheinlich hatte ich die Ausschnittkanten in die falsche Richtung umgebügelt. Ich trennte also alles wieder auf, bügelte in die andere Richtung, steckte zusammen und heftete diesmal, um erst einmal ein vorläufiges Ergebnis zu haben. Daran hatte ich gut getan, denn jetzt war alles GANZ falsch. Hätte man wahrscheinlich auch vorher wissen können, aber ich bin echt eine Niete, wenn es um räumliches Denken beim Nähen geht. Also Heftfäden wieder raus und alles auf Anfang. Langsam beschlich mich der Verdacht, dass nicht ich das Problem war, sondern die Beschreibung. Es war nämlich durchaus nicht das erste Mal, dass ich mit Burda-Anleitungen zu kämpfen hatte, und auch aus meinem Umfeld waren mir bereits Klagen in dieser Richtung zu Ohren gekommen.

Schon bei meinem allerersten Burda-Projekt (meinem zweiten Klamottenprojekt an der Nähmaschine überhaupt) – einer ebenfalls als recht einfach deklarierten Tunika aus dem Heft 4/2016 – führte ich meine Verwirrung zunächst auf mangelndes Fachwissen und fehlende Erfahrung mit der Fachsprache zurück. Im Großen und Ganzen konnte ich der Anleitung folgen (wenn auch nur mit paralleler Zuhilfenahme von Internet und Nähbüchern), aber als es zum Ausschnitt kam, ging gar nichts mehr – zumindest konnte ich den Anleitungstext nicht mehr mit sinnvollen Arbeitsschritten und -ergebnissen zusammenbringen. Und von links sah alles ziemlich roh und unschön aus. Total verunsichert, mit schweißnassen Händen und stark erhöhtem Blutdruck friemelte ich dann so lange an dem Ausschnitt rum, bis er schließlich halbwegs so aussah, wie ich es mir vorstellte (eine Schneiderin hätte bei meiner Vorgehensweise wahrscheinlich die Hände überm Kopf zusammengeschlagen).
Am Ende war ich bannig stolz auf mich, diese Hürde irgendwie gemeistert zu haben, aber eine sinnvolle Anleitung, die mir die handwerklich richtigen Techniken vermittelt und mich so mit Lernerfolg und ohne unnötige Zeitverschwendung zu einem guten Ergebnis bringt, hätte mir mehr gebracht.

Tunika

Ein Jahr später stand ich mit dem Burda-Hängerkleidchen nun also vor exakt dem gleichen Problem. Inzwischen hatte ich allerdings dazugelernt und konnte besser einschätzen, wo meine Nähgrenzen liegen. Bei dieser einsamen Kellerfalte jedenfalls definitiv nicht, da hatte ich in der Vergangenheit schon anderes gemeistert! Ich ging die Anleitung noch mal Schritt für Schritt durch, hakte ab, ob ich nicht einen Punkt übergangen hatte, kam aber immer wieder zu demselben Ergebnis: So konnte das nicht klappen. Letztlich habe ich wie auch schon bei der Tunika durch viel Legen und Probieren einen Weg gefunden, das Kleid innen wie außen so aussehen zu lassen, dass es meinen Ansprüchen an vernünftige Verarbeitung entsprach. Wieder habe ich viel gelernt, aber der Aufwand, den ich für dieses einfache Kleidchen habe betreiben müssen, war wirklich unverhältnismäßig – von der verschwendeten Zeit, den vielen grauen Haaren und meiner zwischenzeitlich wirklich schlechten Laune nicht zu sprechen.

Zurückblickend will ich keineswegs ausschließen, dass ich die Anleitung(en) doch irgendwie falsch interpretiert habe und deshalb nicht klarkam. Meine Burda-Kritik mindert das aber keineswegs, denn ich bin der Meinung, dass es die Hauptaufgabe jeder professionellen Anleitung ist, unmissverständlich und präzise zu sein. Lässt sie Raum für Interpretationen und damit Fehlentscheidungen, hat sie ihren Sinn verfehlt. Ausgesprochen ärgerlich sind darüber hinaus natürlich auch richtige inhaltliche Fehler und mangelhafte Übersetzungen – alles Dinge, mit denen man sich mit schöner Regelmäßigkeit in Nähmagazinen (aber leider auch in Büchern) herumschlagen muss. Inzwischen kaufe ich eigentlich nur noch das belgische Magazin La Maison Victor, das mich bislang noch nie enttäuscht hat, und konzentriere mich ansonsten auf die Einzelschnitte unabhängiger Designer. Diese sind zwar generell erheblich teurer als die vermeintlich günstigen Schnittsammlungen in den Modeheften à la Burda, aber dafür sind sie in der Regel auch außerordentlich sorgfältig editiert. Meist wurden Schnitte wie Anleitungen vor der Veröffentlichung von einer Reihe von Testnäherinnen auf Herz und Nieren geprüft, sodass beim Nachnähen eigentlich nichts schiefgehen kann, was man nicht selbst zu verantworten hätte.

Jetzt aber Schluss mit dem ganzen Lamento und zurück zu meinem Kleid. Das ist nämlich trotz der vielen Steine, die die Burda mir in den Weg gelegt hat, sehr schön geworden.

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Die Testvariante ist sehr leicht und sommerlich, aber der Karstadt-Blusenstoff hat dennoch gerade so viel Stand, dass die Kellerfalte auf dem Rücken und die angesetzten Ärmelblenden gut zur Geltung kommen.

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Es gibt ein paar Kinderkrankheiten, zum Beispiel schließt der Rückenschlitz am Halsausschnitt links und rechts nicht auf der gleichen Höhe ab, aber grundsätzlich gefiel das Probekleid gefiel sowohl mir als auch der Auftraggeberin. Und abgesehen davon, dass Letztere sich ein bisschen mehr Armfreiheit wünschte, passte es ihr auch.

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Nun war ich gespannt, wie sich die japanische Baumwolle in diesem Schnitt verhalten würde. Das Nähen ging dieses Mal sehr viel entspannter von der Hand, wusste ich diesmal doch, was ich wann wie zu tun hatte. Um ein perfektes Endergebnis zu erzielen, hab ich bei der zweiten Version noch mehr geheftet als beim ersten Mal, vor allem rund um den Rückenschlitz … und ich muss sagen, die Mühe hat sich gelohnt!

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Die japanische Baumwolle hat – wen wundert’s – einen viel besseren Stand als der Blusenstoff und verleiht dem Kleid eine ausgesprochen edlen Charakter. Es ist kein klassisches Sommerkleidchen mehr, sollte aber dennoch auch bei wärmeren Temperaturen sehr angenehm zu tragen sein. Außerdem eignet es sich auch bestens für etwas förmlichere Anlässe und als Bürooutfit.

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Inzwischen hab ich das Auftragswerk übergeben. Übrig geblieben sind ein paar kleinere Stoffreste, die ich noch in kleine Täschchen verwandeln will. Es wäre auch wirklich eine Schande, dieses wundervolle Material nicht bis auf den kleinsten Rest zu verwerten. Den Anfang habe ich bereits mit einem Tragebeutel gemacht, in dem das Kleid stilgerecht ausgeliefert wurde.

Jetzt würde mich interessieren, ob auch andere unter euch ähnliche Probleme mit den Nähanleitungen von Burda & Co. haben.

Ein wundervolles Osterwochenende wünscht

Wiebke

 

 

2 Gedanken zu „Ein Kleid, zwei Versionen – und jede Menge Ärger mit der Anleitung“

  1. Liebe Wiebke,
    die Kleider sind sehr, sehr schön geworden!
    Ja die Anleitungen… der ewige Kampf… Ich achte auf die Passzeichen und schau mir die Bilder immer wieder an. Meistens komme ich so durch 😉

    Liebe Grüße Marion

    1. Danke, Marion! Ich bin leider im Nähen noch nicht so erfahren, dass ich rein anhand der Schnittmusterteile nähen kann. Aber nach jeder schlechten Anleitung, die ich erfolgreich bezwungen habe, bin ich nähtechnisch wieder ein Stück schlauer, das ist dann ja auch schon mal was.
      Liebe Grüße und bis morgen dann – in Gelb 🙂
      Wiebke

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