Jeans-Upcycling: Chobe-Tasche von Elle Puls

Als ich „nur“ gestrickt habe, war das Anfertigen von dicken Pullovern und Socken fester Bestandteil meiner allabendlichen Fernsehentspannung, eine schöne Beschäftigung mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass die Produkte meiner Freizeitbetätigung zu Hause für kuschelige Wärme sorgten. In der Öffentlichkeit getragen habe ich meine „Werke“ eher selten, weil weder Schnitte noch Wolle eigentlich meinen Ansprüchen an professionelle Kleidung entsprachen. 

Dann entdeckte ich Ravelry und damit einen Kosmos voller neuer Möglichkeiten. Das, was sich mir dort präsentierte, war meilenweit entfernt von den angestaubten Modellen deutscher Strickmagazine. Junge Designer, tolle Materialien, moderne Schnitte, unbegrentze Inspiration. Von diesem Zeitpunkt an produzierte ich mit ständig wachsender Begeisterung Pullover und Tücher, die ich nun auch draußen trug und mit Stolz meiner Umwelt präsentierte. Und ich entwickelte mich in der Auseinandersetzung mit der Materie technisch und ästhetisch weiter.

Meine erste Nähmaschine markierte einen weiteren Meilenstein auf diesem Weg. Mit jedem mehr oder weniger erfolgreichen Projekt wuchsen meine Fertigkeiten und mit ihnen kam die Erkenntnis, dass es grundsätzlich möglich ist, kleidungstechnisch weitgehend autark zu sein. Frei in der Wahl von Stoff, Farbe und Schnitt, unabhängig vom Diktat der Mode und des Mainstreams. Was für eine Offenbarung! Und ob ihr es glaubt oder nicht: Seit Frühjahr 2016 habe ich außer Schuhen keinerlei Kleidung mehr gekauft, weder secondhand noch neu. Die Auslagen in den Geschäften sind für mich inzwischen nicht mehr Versuchung, sondern lediglich Inspirationsquelle. Allerdings muss ich auch etwas kleinlaut eingestehen, dass sich mein klassisches Konsumverhalten in großen Teilen einfach auf den Bereich Rohmaterialien verschoben hat. Hier jetzt ebenfalls etwas gemäßigter und bedachter vorzugehen, stellt definitiv mein nächstes Aufgabenfeld dar.

Wie bei vielen von euch hat die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsumverhalten und den eigenen Modevorlieben auch bei mir zur Sichtung meines Kleiderschrankinhalts geführt – mit äußerst erhellendem (bzw. erschreckenden) Ergebnis: Ich neige ganz offensichtlich zum Horten (dabei hätte ich allen mit Inbrunst versichert, ich sei – im Gegensatz zu meinem Mann – ein guter Aussortierer). Schon allein die unzähligen Hosen, die – zu groß, zu klein oder einfach nicht mehr „in“ – einem möglichen (aber ehrlich betrachtet äußerst unwahrscheinlichen) Einsatz in der Zukunft entgegenschlummern. Von den ganzen Impulskäufen will ich gar nicht erst reden … 🙁

Und hier kommt – endlich! 😉 – die Überleitung zum eigentlichen Thema meines heutigen Blogposts: der Tasche Chobe von Elle Puls, die schon eine Weile auf meiner To-sew-Liste stand. Es ist ein klassisches Upcycling-Projekt, für das alte Jeans verwendet werden. Da ich nach meiner Schrankinventur ja einen ganzen Haufen davon herumliegen hatte, lud ich mir kurzerhand den Schnitt samt Anleitungs-E-Book runter und legte los.

So viel vorab: Es ist ein großartiger Schnitt mit ausführlicher, bebilderter Anleitung, die einen Schritt für Schritt durch den Nähprozess führt, sodass zu keiner Zeit Fragen aufkommen. Der Originalschnitt enthält viele schöne Details, Elke ermuntert aber auch ausdrücklich dazu, seiner Kreativität bei der Taschengestaltung freien Lauf zu lassen, und erklärt detailliert, wie man den Schnitt vergrößert oder verkleinert. Darüber hinaus enthält das E-Book viele Designbeispiele, die einem bei der Planung seiner eigenen Tasche bei Bedarf Orientierung geben.

IMG_2412Ich hab erstmal damit begonnen, zwei graue Jeans, die noch nie so richtig gepasst hatten, zu zerschnippeln. Für die Vorderseite der Tasche wollte ich die ursprüngliche Streifenoptik des Schnitts auf jeden Fall beibehalten. Es hat ein Weilchen gedauert, um  die richtige „Farb“-Reihenfolge für die zwölf nötigen Querstreifen zu ermitteln. Ich tue mich mit solchen Sachen immer recht schwer, aber schließlich kam ich doch zu einem, wie ich finde, schönen Ergebnis.

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Was die Rückseite der Tasche betraf, so schwankte ich zwischen einer glatten Stofflage und der Option quasi die komplette intakte Rücken-/Hinternpartie samt Taschen und Gürtelschnallen einer der Jeans zu verwenden (so ähnlich wie bei der Chobe von Liivi & Liivi). Letzteres finde ich zwar nach wie vor supercool, aber ich war feige und hab mich dann doch für die schlichtere Variante entschieden (bin halt keine 25 mehr 😉 ). Aber zumindest kann man die Seitennaht und das ursprüngliche Geknittere des konfektionierten unteren Hosenbeins noch erkennen.

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Für den Taschenboden sollte laut Schnitt eigentlich Leder verwendet werden. Hatte ich aber nicht und hab ich in meinem direkten Umfeld (das sogar den am 1. Mai stattfindenden Hamburger Stoffmarkt Holland umfasste) auch nicht gefunden. Grau sollte es nämlich sein, wie die Tasche, und irgendwie spukte mir zudem Rauleder im Kopf rum. Das Problem war aber, dass ich unbedingt mit der Tasche weitermachen wollte, und so habe ich kurzerhand bei Stoff & Stil ein graues Möbelkunstveloursleder erstanden, das sich gut anfühlte und auch ausreichend robust aussah.

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Als Futter wählte ich einen netten rot-weiß-gestreiften Baumwollstoff, den ich mal bei Frau Tulpe im Ausverkauf mitgenommen hatte, und passend dazu einen roten Metallreißverschluss.

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Ein witziges Detail ist die Handy-Innentasche, für die eine äußere Hosentasche auf das Innenfutter genäht wurde.

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Eigentlich wollte ich in den Innenraum auch noch eine kleine Kette mit Karabinerhaken für die Befestigung eines Schlüssels integrieren. Aber beim Nähen des Futterbeutels hab ich das irgendwie aus den Augen verloren, und nun weiß ich nicht, wie ich das Ding nachträglich elegant eingebaut bekomme. Jetzt muss es halt ohne gehen.

IMG_2447Der absolute Clou an dieser Tasche ist für mich allerdings der Henkel! Er basiert auf einem Seil, das in drei Lagen mit Putztuch, Fleece und Leder umwickelt wird. Das Zusammennähen der Lagen erfolgt einzeln per Hand, was im Übrigen wesentlich weniger schrecklich war als vermutet, und das Finish erfolgt mittels einer raffinierten Falttechnik und Hohlnieten. Das Ergebnis ist ein unglaublich professionell aussehender Taschenhenkel, der sich noch dazu wunderbar anfasst.
Ursprünglich hatte ich vor, den Henkel mangels echten Leders wie den Boden der Tasche aus Kunstveloursleder zu fertigen. Ich hatte auch schon alles zugeschnitten, aber in IMG_2445Anbetracht der Tatsache, dass die Tasche bis dahin so wunderbar gelungen war, störte mich dann doch, dass man an den Schnittkanten beim Kunstleder immer die untere Textilschicht des Stoffes vorblitzen sah. Beim Boden war das egal, weil dieser ja sauber mit den Randteilen vernäht war und alle Schnittkanten im Inneren der Tasche vom Futter verdeckt wurden. Am Henkel jedoch würden die Kanten offen zutage liegen.
IMG_2429Also begab ich mich auf die Suche nach einem farblich passenden und gleichzeitig erschwinglichen Lederfell. Glücklicherweise wurde ich schnell beim Lederversand in Berlin fündig und orderte für relativ wenig Geld ein gar nicht mal so kleines graues Ziegenvelourslederfell. Ich war ein bisschen besorgt bezüglich der Farbe und Haptik, aber die Qualität des Leders ist genau wie beschrieben und das Material ließ sich selbst mit meiner einfachen Nähmaschine problemlos mit der gleichen Jeansnadel verarbeiten, mit der ich auch den Rest der Tasche genäht hatte. Im Nachhinein bin ich mehr als glücklich darüber, für den Henkel kein Kunstleder verwendet zu haben, ich bedaure vielmehr, dass mir das Leder nicht schon beim Boden zur Verfügung stand.

Beim ersten Probetragen der Tasche gefiel es mir spontan nicht so gut, dass der Taschenkörper bedingt durch die Kürze des Henkels etwas zusammengestaucht wird.

Ich hab deshalb einfach mal ein Gurtband von einer anderen Tasche angeklinkt (das Schöne bei dieser Taschenkonstruktion ist ja, dass man den Henkel jederzeit ganz einfach austauschen kann).

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Bei dieser Gurtvariante wird die Tasche selbst nicht so gestaucht, auch kann man sie mit einem längeren Träger praktisch als Messenger Bag tragen, was ihre Einsatzmöglichkeiten erweitert. Inzwischen habe ich aber bereits wieder den ursprünglichen Henkel im Einsatz und liebe den Casual Fit meines Chobe Bag! 🙂

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Zusammenfassung
Schnitt: Chobe von Elle Puls
Oberstoff: 2 alte graue Jeans
Futter: rot-weiß gestreifte Baumwolle von Frau Tulpe
Boden: graues Kunstmöbelveloursleder von Stoff & Stil
Reißverschluss, Karabiner und D-Ringe: vom Stoffmarkt Holland
Henkel: Seil (Stoffmarkt Holland), Putzlappen (Drogerie), Fleece aus altem Pullover, graues Ziegenveloursleder vom Lederversand Berlin

Maße: ca. 36 x 33 cm


Bevor ich mich als Nächstes an die brandneue Tunika Elle von Elke mache (Schnitt ist schon gekauft und der Stoff zugeschnitten), hüpfe ich noch schnell rüber zu den Mädels von RUMS und schaue, was heute alles Hübsches gezaubert wurde.

Wunderschöne Frühlingsgrüße aus Hamburg!

Wiebke

6 Gedanken zu „Jeans-Upcycling: Chobe-Tasche von Elle Puls“

  1. Guten Abend und Grüße nach Hamburg.
    Ich bin ziemlich beeindruckt über dieses tolle „Werk“ – sehr schlichte und klassische Materialien, ich glaube auch der Lederboden wäre gar nicht so passend gewesen – persönlich mag ich das schlichte.
    Auch die Arbeit mit dem Innenleben sieht Klasse aus. Vintage und Upcycling ist ebenfalls eine Leidenschaft von mir. Gerade Taschen – auch für Männer! Würde mich freuen wenn Sie auch mal bei mir vorbeischauen würden, vielleicht finden Sie für Ihr nächstes Projekt die ein oder andere Anregung. Wir stellen nur Unikate in Handarbeit her. https://silentpeople.de/upcycling-taschen/
    Machen Sie bitte weiter, denn das Upcycling Konzept trifft einfach den Zeitgeist und sorgt auch meines Erachtens für eine bisschen bessere, saubere und nicht so verschwenderische Umwelt. Grüße aus München und Ravenna Italien. Marcus

    1. Lieber Markus, vielen Dank für das tolle positive Feedback zu meine Chobe-Tasche! Sie haben absolut recht: Upcycling ist eine großartige Sache. Es fordert einerseits die Kreativität, eine neue Bestimmung für einen alten, nicht mehr gebrauchten Gegenstand zu finden. Und andererseits ist es unglaublich befriedigend, Dinge weiter im Produktkreislauf zu halten und nicht in das allgemeine Wegwerfverhalten einzustimmen. Ich werde auf jeden Fall am Ball bleiben. Gerade habe ich einen alten Mantel in würfelförmige Fensterstopper umgewandelt. 😉 Herzliche Grüße in den Süden. Wiebke

  2. einfach nur wow! gefällt mir unglaublich gut, weiss nicht ob ich dies so hinbekommen kann aber werde es sicherlich probieren. was für eine tolle inspiration!

    alles liebe enidan

    1. Vielen Dank für das Kompliment, liebe Enidan!
      Die Anleitung ist ganz ausführlich und man kann allen Schritten einfach folgen, das kriegst du bestimmt gut hin. Ich wünsch dir auf jeden Fall ganz viel Spaß beim Chobe-Nähen – ich hatte ihn auf alle Fälle 🙂.
      Liebe Grüße
      Wiebke

    1. Danke, Marion!
      Das Nähen hat wahnsinnig viel Spaß gemacht und man kommt sich so nachhaltig vor 😉
      Aber der Schnitt ist auch toll. Vor allem die Henkelkonstruktion, über die kann ich mich immer wieder begeistern. Ich hätte nie gedacht, dass man so was so verhältnismäßig einfach selbst herstellen kann. Das ist überhaupt das Allertollste am Nähen für mich: Dieses tägliche Erkennen, was man alles selbst machen kann! Aber das kennst du ja wahrscheinlich selbst 🙂
      Ganz lieben Gruß zurück!
      Wiebke

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