Adelheid, oh, Adelheid

Letztes Jahr waren ja Rüschen und Volants der ganz große Schrei. An mir ist dieser Trend allerdings komplett vorbeigegangen (genau wie der mit den Riesenschleifen), denn ich komme mir mit jeder Art von „Tüdelü“ an meiner Kleidung mit zunehmendem Alter immer verkleideter vor. 

Aus diesem Grund dachte ich zunächst auch mit gehörigem Bedauern, der neue Schnitt Adelheid von Monika aka Schneidernmeistern sei nichts für mich. Das zentrale Merkmal dieser Bluse sind nämlich ihre Bischoffsärmel, sehr weite Puffärmel, die erst kurz über dem Ellenbogen ansetzen. Als ich dann aber Monikas Beispielversionen und die vielen Varianten ihrer Probenäherinnen sah, begannen meine Zweifel dahinzuschmelzen wie der sprichwörtliche Schnee in der Sonne. Denn einerseits ermöglicht Monikas Schnitt – wie auch schon ihre berühmte Else – verschiedene Varianten. Für nicht ganz so Mutige kann der auffällige Bischoffsärmel zum Beispiel gegen eine sommerlich-verspielte angerückte Kurzarmversion oder eine schlichte Langarmversion mit dezentem Blousonabschluss ausgetauscht werden. Darüber hinaus gibt es Adelheid auch als feminines Adelkleid in leichter A-Form, das mit oder ohne Gürtel getragen werden kann. Ansonsten besticht Adelheid durch raffiniert in die Schulterpasse verlaufende Raglanärmel, die eine schmale Schulter, machen und einen hübschen Schlitz in der oberen hinteren Mitte, der mit Knopf und Schlinge oder Haken geschlossen wird.

Ihr seht, es war wie immer bei Schneidernmeistern: Der Schnitt kam raus, und ich musste ihn haben – und nähen. Allerdings fiel es mir wirklich schwer, mich für eine der Schnittvarianten zu entscheiden. Da sich aber genug passendes Material in meinem Lager befand (Adelheid wünscht sich leichte bis mittelschwere, aber vor allem weich fallende Stoffe), musste ich das auch gar nicht. Ich würde sie einfach alle machen! Nur fürs Adelkleid erstand ich schnell noch im Ausverkauf ein schönes frühlingstaugliches Wollmischgewebe, dann ging es auch schon los.

Vorweggenommen: Adelheid und Adelkleid nähen sich flott weg. Monikas Anleitungen sind wie immer ziemlich knapp (an der einen oder anderen Stelle hätte ich mir zum Beispiel eine Anmerkung dazu gewünscht, wann und wie versäubert werden soll), aber mit ein bisschen Näherfahrung kommt man damit klar. Es empfiehlt sich allerdings, sie sich vor dem Nähen einmal komplett durchzulesen (ist ja nicht viel Text! 😉 ) und das Nähen ein bisschen zu planen. Für mich ist das eine Umstellung, denn ich folge meistens den Anleitungen Schritt für Schritt, wenn man da in einem früheren Stadium das Versäubern versäumt hat, dann steht man eventuell später blöd da.

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Begonnen hab ich meinen Adelheid-Marathon mit einer Blusen-Variante mit langen geraden Ärmeln und Blouson-Abschluss. Als Stoff wählte ich dafür eine leichte Viskose mit coolem Retromuster im Prilblumen-Stil, der sich erstaunlich gut vernähen ließ. Ich hatte zunächst ein wenig Schwierigkeiten mit dem rückwärtigem Schlitz (räumliches Denken ist offensichtlich nicht soooo meine Stärke), aber nach ein paar mal Wiederauftrennen und Neunähen hab ich auch diese Hürde bewältigt. Das Ergebnis ist ein wunderhübsches, luftig-leichtes Sommerblüschen, das sich hinreißend zu Jeans und Ballerina macht.

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Einziges Manko: Obwohl beide Schlitzseiten gut gelungen und symmetrisch sind, beult die hintere Mitte bei geschlossenem Knopf etwas auf. Ich werde da wohl noch einen zweiten Knopf ranbasteln müssen, damit die Bluse am oberen Rücken besser anliegt.

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Als Nächstes machte ich mich ans Adelkleid aus mittelschwerem, aber dennoch superweich fließendem braunen Wollstoff mit langen Ärmeln, diesmal ganz ohne Raffung am Abschluss, sondern einfach gesäumt. Das Nähen war wieder schnell erledigt und auch der Schlitz ging mir diesmal besser von der Hand. Allerdings gab es auch hier das Problem mit dem aufklaffenden Schlitz (ich hatte gehofft, dass das mit dem anderen Material und größerer Schlitz-Expertise vom Tisch sein würde). Im Falles des Kleides habe ich von innen einfach drei schwarze Haken angenäht, die den Schlitz jetzt oben in Form halten. In der Taille wird beim Adelkleid von innen Framillon-Band angenäht, was für eine schöne dezente Raffung sorgt. Überhaupt hat die Adelheid in der Kleidvariante das Zeug zum Klassiker: Sie ist schlicht und gerade, trotzdem feminin und absolut wandlungsfähig.

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Leider wirkte mein schöner, edler brauner Wollstoff an diesem klaren Schnitt wie ein Mittelaltergewand. Um dem Ganzen etwas mehr Modernität einzuhauchen, hab ich einen orangefarbenen Stoffrest aus meinem Vorrat gezogen und kurzerhand einen zweifarbigen Gürtel genäht. Dann wurden noch alle äußeren Nähte mit orangefarbenem Kontrastgarn nachgesteppt, und jetzt kann sich mein Adelkleid auch außerhalb von „Game of Thrones“-Conventions sehen lassen. 😉

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Inzwischen war ich mit Adelheid so vertraut, dass ich mir auch eine Variante mit Bischoffsärmeln vorstellen konnte. Dafür wählte ich einen gemusterten japanischen Double-Gauze-Musselin mit unglaublich weicher Haptik und gleichzeitig schöner Schwere: das absolut perfekte Material für eine Adelheid, wie sich herausstellen sollte.

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Vom leidigen Schlitz nahm ich diesmal Abstand und nähte einfach die entsprechenden Teile des Raglanärmels schon im Vorfeld zusammen. Jetzt fehlt zwar das zugegebenermaßen schicke Detail, dafür sitzt die Bluse hinten aber super.

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Die Bischoffsärmel waren ein großer Spaß zu nähen – und ich hätte nicht gedacht, dass sie mir auch beim Tragen so viel Freude bereiten würden.

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Ich kann es gar nicht abwarten, dass der Schnee hier im Norden abtaut und endlich frühlingshafteren Temperaturen weicht, damit meine drei Adelheids auch ohne Strickjacken, dicke Strumpfhosen und Stiefel zum Einsatz kommen.

Viele Grüße aus dem winterlichen Hamburg!

Wiebke

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Zusammenfassung

Schnitt: Adelheid von Schneidernmeistern
Stoff: Adelheid mit langen Ärmeln und Blousonabschluss – leichte Viskose mit Retroprint von Karstadt; Adelkleid – braunes hochwertiges Wollmischgewebe (für Anzüge) und handgefärbte orangefarbene Wolle für die Gürtelrückseite; Adelheid mit Bischoffsärmeln – japanischer Double-Gauze-Baumwollmusselin von Frau Tulpe

Verlinkt mit: Creadienstag


 

3 Gedanken zu „Adelheid, oh, Adelheid“

  1. Alle deine drei Varianten gefallen mir unglaublich gut! Und auch die verwendeten Stoffe … Nun denke ich tatsächlich darüber nach, ob ich den Schnitt nicht doch brauche …
    Liebe Grüße von Doro

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